Landesverband Hessen

Die Krähenbeize

Ein Beitrag der Komturei Hessen anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Ordens Deutscher Falkoniere im Jahre 2009, erstellt von Thomas Schneider, Runkel, in Zusammenarbeit mit Dieter Hübner, Gründau.

Die Beizjagd mit dem Falken auf Rabenkrähen stellt für den Falkner unserer Tage eine besondere Herausforderung dar. Als Kulturfolger kommt die Rabenkrähe überall vor. Besonders gerne nimmt sie die offene baumbestandene Landschaft an, ist aber sehr häufig auch in der Nähe menschlicher Siedlungen anzutreffen. Die Rabenkrähe ist Stand- und Strichvögel. Während der Brutzeit schließen sich die nichtverpaarten Rabenkrähen zu sogenannten Junggesellentrupps zusammen. Die Verpaarung erfolgt auf Lebenszeit. Nach der Beendigung des Brutbetriebes bildet die Rabenkrähe sogenannte Fluggesellschaften.


Die ausgewachsene Rabenkrähe hat ein Gewicht von 400 – 600 Gramm. Ihre Flügellänge beträgt 25 – 30 Zentimeter, die Spannweite ca. 90 Zentimeter. Sie verfügt über einen bis zu 5 Zentimeter langen Schnabel, dessen Ende befiedert ist. Mit diesem „Werkzeug“ ist sie in der Lage, sehr schmerzhafte Hiebe zu versetzen, beziehungsweise Verletzungen zu verursachen.

Rabenkrähen sind Allesfresser. Sie fressen jedes Tier, das sie überwältigen können bis zur Hasengröße. Besonders kranke Tiere, Getreide, Obst, Abfälle und auch Aas wird von ihr angenommen. Sie frisst ebenfalls jegliche Form von Gelegen, deren sie habhaft werden kann. Dieses Fraßverhalten wirkt sich gerade bei den Niederwildbesätzen zum Teil verheerend aus. Aufgrund ihrer Intelligenz und ihres ausgeprägten Lernverhaltens ist sie in der Lage, sich in Gruppen zu organisieren und Ackerschläge nach Fraß systematisch abzusuchen. Mit Hilfe dieser „Jagdstrategie“ wird insbesondere der Junghasenbesatz erheblich reduziert. Die Rabenkrähe ist aber auch als Schmarotzer tätig, indem sie Greifen die Beute abjagt. Bei den Greifen findet sie aber auch ihre natürlichen Feinde in Form des Habichts, des Uhus und des Wanderfalken.

Die Rabenkrähe steht seit dem 1.1.1987 in der Bundesrepublik Deutschland unter dem besonderen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes. Damit wurde die Europäische Vogelschutzrichtlinie in nationales Recht umgesetzt. Weil die Rabenkrähen einerseits Nahrungsopportunisten und andererseits Kulturfolger mit hervorragenden Anpassungseigenschaften sind, stieß diese Maßnahme bei den Jägern auf heftige Kritik. Die Bejagung wurde deshalb in Hessen außerhalb der im Verordnungswege festgesetzten Brutzeit wieder erlaubt. In Hessen hat die Rabenkrähe in der Zeit vom 01. August bis zum 20. Februar Jagdzeit.

Aufgrund ihrer Intelligenz ist die Rabenkrähe sehr schnell in der Lage, zwischen den sie verfolgenden Jägern und harmlosen Spaziergängern zu unterscheiden. Dies macht die Bejagung mit der Schusswaffe aufgrund der sich nach sehr kurzer Zeit einstellenden hohen Fluchtdistanzen besonders schwierig. In jüngster Zeit werden wiederholt Klagen aus dem Bereich der Landwirtschaft laut, weil Rabenkrähen mit ihren starken Schnäbeln die Folien der Mieten und der Siloballen aufhacken, um an die darunter befindliche Silage zu gelangen. Mit der Zerstörung der Folie geht der Eintritt von Luft und von Regen- und Tauwasser in das Innere des Siloballens einher. Dies führt zum Verderben der Silage und damit zu erheblichen Verlusten für die betroffenen Landwirte.

Eine effektive Bejagungsmaßnahme zur nachhaltigen Reduktion der mancherorts zur Plage werdenden Rabenkrähenpopulation wäre die Fallenjagd. Der für Massenfänge sehr gut geeignete nordische Krähenfang, eine Art großräumige Vogelfalle, bedarf jedoch der Genehmigung durch die dafür zuständige Untere Jagdbehörde. Diese ist nur in Ausnahmefällen oder für wissenschaftliche Zwecke zur Erteilung der erforderlichen Genehmigung bereit.

Der Rückgang des Niederwildes (Fasan, Rebhuhn)als klassisches Beizwild  für einen Falken und die zuvor genannten Einflüsse ließen die KRÄHENBEIZE in Deutschland und im benachbarten Ausland wieder aufleben.

Die Jägerschaft und die Landwirte begrüßen in der Regel die Ausübung der Krähenbeize sodass Revierinhaber die erforderliche Beizjagderlaubnis sehr leicht erteilen. Aufgrund der bereits erwähnten starken Schnäbel und der gut organisierten Sozialstruktur stellen Rabenkrähen für einen Jagdfalken durchaus ein als wehrhaft zu bezeichnendes Wild dar.

Nun zur Ausbildung eines jungen Falken zum erfolgreichen Krähenbeizen.

Es können mehrere Großfalkenarten verwendet werden. Der Wanderfalke hat sich mit all seinen Unterarten für die Beize an der Deckung als am besten erwiesen. Wenn im Folgenden vom Wanderfalken die Rede ist, ist damit ausschließlich das wesentliche stärkere Wanderfalkenweib gemeint.

Jungvögel kann man als Handaufzucht oder als Altvogelaufzucht erhalten .Der Altvogelaufzucht ist der Vorzug einzuräumen, da diese Vögel nicht auf den Menschen fehlgeprägt sind und deshalb nicht lahnen. Außerdem sind diese Falken gegenüber anderen Personen distanzierter: Diese Eigenschaft kann bei der Ausübung der Beizjagd für den Falken ein nicht zu unterschätzender Sicherheitsvorteil sein.

Als Hilfsmittel für die Falkenausbildung benötigt man einen Falknerhandschuh, eine Tasche oder eine Weste, das Federspiel , eine Hundepfeife und eine Vogelrätsche sowie die Haube, das Beizvogelgeschirr, bestehend aus dem Geschüh, der Drahle, der Langfessel, den Bells, der Adresstafel und zuletzt und unabdingbar eine Telemetrieanlage.

Der praktische Umgang mit der Telemetrieanlage sollte im Vorfeld geübt werden, um im Bedarfsfalle ein sicheres Finden des Senders mit dem Falken zu gewährleisten.

Die Ausbildung sollte nachdem der Falke trocken, das heißt ausgefiedert ist, sofort beginnen. Der Falke muss zuerst an das Federspiel gewöhnt werden. Dazu wird der Vogel im Gewicht reduziert, sodass dieser einen größeren Appetit zeigt. Das Federspiel wird nun mit guter Atzung gespickt und dem Falken auf Langfessellänge mit einem kurzem Pfiff der Hundepfeife hingeworfen. Der Falke wird dieses unter normalen Bedingungen greifen. Jetzt darf er die Atzung komplett aufatzen. Ist er damit fertig wird er auf die Faust mit weiterer Atzung aufgenommen.

Wichtig: Dem jungen Vogel darf man keine Atzung wegnehmen, sondern solche  nur zuführen. Das bedeutet, dass man ihm nur  soviel Atzung gibt, wie er kröpfen soll. Mit dieser Art des Federspieltrainings verfährt man ca. 1-2 Wochen so, indem man die Entfernung zwischen dem Falken und dem vorgeworfenen mit Atzung bespicktem Federspiel stetig steigert. Dies geschieht mit Hilfe einer immer mehr verlängerten Lockleine. Wenn der Falke bei einer Entfernung von ca. 25m auf Pfiff und Zeigen des Federspiels unmittelbar beireitet, ist die Zeit für den ersten Freiflug gekommen.

Man wählt für den ersten Freiflug am besten die Abendstunden und verhält sich genauso wie an den Tagen zuvor nur das man das Federspiel vor dem beireitendem Falken wegzieht. Dieser wird nun durchstarten und einen Ring fliegen. Jetzt muss man den fliegenden Falken genau beobachten. Ist dieser noch bereit einen weiteren Ring zu fliegen, dies erkennt man daran, dass der Falke das Federspiel noch energisch angreift, beziehungsweise .zuvor noch steigt um dann dieses anzujagen, lässt man ihn einen weiteren Durchgang fliegen.

Am Anfang aber sollte man dieses jedoch nicht zu weit ausdehnen, um denn Falken nicht zu übermüden. Schlägt der Falke aber nach 3 bis 4 Ringen das Federspiel, erhält er auf dem Federspiel seine Belohnung und wird danach auf die Faust aufgenommen. Diese Freiflüge sollten jetzt noch einige Tage mit stetigem Steigern der Flugdauer ausgeführt werden. Das Ziel dieser Übung besteht darin, den Federspiel-Appell fördern, sowie die Kraft und die Ausdauer des Falken zu steigern. Aber Vorsicht: Ziel ist und bleibt die Jagd auf Krähen und so sollte man auch nach nur wenigen Tagen des Trainings mit dem Federspiel zur eigentlichen Beizjagd übergehen. Der Jungvogel wird während der Dauer des Federspieltrainings in der Kondition noch etwas mehr heruntergenommen, um ihn noch mehr zu motivieren, die Jungkrähen auch anzujagen. Bis jetzt sind vom Anfang der Ausbildung je nach den individuellen Eigenschaften des Falken ca.  2-4 Wochen vergangen.

Jetzt kann die Jagd auf die schwarzen Gesellen beginnen. Zuvor sollte man dem Falken eine gewisse Beuteprägung vorgeben. Dazu benötigt man eine gebeizte oder geschossene  Rabenkrähe. Diese nimmt man vorher aus und füllt deren Bauchraum mit guter Taubenatzung und näht sie dann wieder zu. Mit einer verschärften Kondition des Falken fährt man sodann ins Revier. Mit dem verhaubten Falken auf der Faust im Fahrzeug bei geöffneter Scheibe sitzend, lässt man von einer Hilfsperson die präparierte Krähe aus einer Entfernung von ca. 20-25m hinter einer Deckung auf ein vereinbartes Zeichen hervorwerfen. Unmittelbar vor dem Werfen der Krähe gibt man im Auto Schnalzlaute ab, um den Falken aufmerksam zumachen. Nun nimmt man ihm die Haube ab und ich wirft ihn aus dem Fahrzeug an die aus der Deckung geworfene Rabenkrähe. Der Falke wird die Krähe wahrscheinlich am Boden greifen. Man läuft zu ihm hin und nimmt die Wurfleine die an der Krähe ist in die Hand und bewegt die Beute noch kurz hin und her. Dann macht man den Falken fest und lässt ihn in aller Ruhe die Krähe kröpfen bis er von dieser selbst abläßt. Man setzt sich während dessen zu dem kröpfenden Falken und wartet bis er fertig ist. Erst dann nimmt man den Falken auf, verhaubt ihn und fährt nach Hause.

An dem darauffolgenden Tag gibt man dem Falken nichts zu kröpfen und lässt ihn stehen.

Erst jetzt beginnt die eigentliche Krähenbeize mit dem Jungfalken. Am Anfang nimmt man den Jungfalken in der Kondition etwas weiter herunter als beim Federspieltraining und fährt unter dieser Voraussetzung mit dem Falken los, um Schwarmkrähen zu suchen. Es ist wichtig, zu Beginn der Krähenjagdzeit am 1 August in Hessen die Krähen so zeitig als möglich zu bejagen. Man macht es sich und dem Jungfalken zum Vorteil, die nun überall im Feld sitzenden noch unerfahrenen Jungkrähen zu bejagen. Der Vorteil besteht darin, dass der noch unerfahrene Falke seine ersten Beutekontakte mit den ebenfalls noch unerfahrenen Jungkrähen, die um diese Zeit auch noch nicht gänzlich durchgefiedert und damit auch noch nicht voll beflogen sind, erlebt. Daraus ergeben sich für den Falken erhebliche bessere Chancen als wenn man ihn an erfahrene Altkrähen bringt. Der mögliche Jagderfolg wird dazu führen, die Motivation des Falken zu verstärken. Jegliches weitere Zuwarten führt dazu, dass die Jungkrähen mit jedem weiteren Tag besser beflogen werden, von den Altkrähen lernen, ihre Erfahrung zunimmt und es damit für den Falken immer schwieriger wird, an Beute zu gelangen. Deshalb ist es sinnvoll, den Falken so früh wie möglich an die Rabenkrähen zu bringen.

Bei der Fahrt durch das Revier mit dem verhaubten Falken sollte gezielt nach Jungkrähen gesucht werden. Sobald man im Feld Krähen auf dem Boden oder auf Bäumen sitzend antrifft, prüft man den Wind und überlegt, ob die Bedingungen  geeignet sind, mit dem Falken einen Jagdflug auszuüben. Wird dies bejaht, fährt man zurück, öffnet die Seitenscheibe und gibt dabei Schnalzlaute ab, die dem verhaubten Falken signalisieren, dass ein Jagdflug unmittelbar bevorsteht. Die Schnalzlaute dienen dem Falken als akustisches Signal zur Vorbereitung auf die potentielle Beute. Dann wird dem Falken die Haube abgenommen und dieser unmittelbar an die aufstehenden Krähen geworfen.

Es kommt nun darauf an, wie der Falke reagiert. Jagt er die Krähen ernsthaft und zielstrebig an, werden die Krähen eine Deckung, die für diesen Jagdflug im Gelände vorhanden sein sollte, annehmen. Die Krähen suchen Schutz an Bäumen, Gebäuden, Feldgehölzen oder Ähnlichem. Im Idealfall handelt es sich dabei um einen einzelnen im Feld stehenden Baum oder eine kleine Baumgruppe. Der Falke wird die Krähen dort hintreiben und diese fallen dort ein. Die Aufgabe des Falken besteht darin, über der Deckung ringzuholen und über dieser anzuwarten. Ein junger Falke, der dieses Verhalten noch nicht kennt, muss es erst erlernen, die Krähen dor festzumachen. Der Falkner muss sich sehr schnell in Richtung dieser Deckung begeben, weil der  Falke noch nicht weiß, dass er auf seinen Falkner warten muss. Er wird versuchen, die Krähen durch sogenannte Waageflüge aufzuscheuchen. Um dieses Verhalten zu forcieren ist es erforderlich, dass der Falkner sich mit einer Vogelrätsche an die Deckung begibt. Durch das Annähern an die Deckung erhöht der Falkner den Druck auf die Krähen. Weil der Falke sich über ihnen befindet, werden die Krähen es soweit als möglich meiden, die Deckung zu verlassen. Der durch die Annäherung und die Anwesenheit des Menschen auf die Rabenkrähen erzeugte Druck wird die Krähen veranlassen, aus der Deckung herauszufliegen. Nun liegt es am Geschick des Falkners, seinen Falken zu beobachten, um eine günstige Flugposition des Falken abzuwarten, um durch den hinzukommenden Einsatz der Vogelrätsche die Krähen aus der Deckung zu heben. Mit dieser Hilfe des Falkners kann der Falke die nun im freien Luftraum befindlichen Krähen anjagen.

Geht der Stoß des Falken auf eine Krähe ins Leere, nehmen die Krähen in der Regel die Deckung wieder an. In diesem Fall beginnt die vorbeschriebene Vorgehensweise des Hebens der Krähen von vorn.

Kommt der Falke durch das Fangen oder das Anschlagen einer Krähe zum Jagderfolg, geht er mit der Krähe zu Boden. Der Falkner muss nun schnellstmöglich zu seinem Falken und der Krähe kommen. Die Krähe ist einerseits sehr wehrhaft und kann den Falken verletzten. Andererseits erhält die geschlagene Krähe von ihren Schwarmgenossen Unterstützung, indem diese auf den Falken hassen. Eine Verletzung eines noch unerfahrenen Falkens kann bei diesem zu einer negativen Motivation führen, die ein weiteres Jagen mit diesem Falken erheblich erschwert. Diese negative Motivation gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Der Falkner muss dem Falken schnellstmöglich helfen, indem er die Krähe mit einem Falknerstilett abfängt. Danach wird der sich immer noch auf der Krähe befindliche Falke mit Drahle und Langfessel festgemacht; gegebenenfalls an der Falknertasche. Es wäre ein Kardinalfehler, dem Falken nur wenige Bissen zu geben, ihn von seiner Beute abzunehmen und wieder nach Hause zu fahren. Der Falkner muss sich die Zeit nehmen, sich zu seinem Falken zu setzen und ihn auf der geschlagnen Krähe mit vollem Kropf aufzuatzen. Der Falke wird erst dann von der Krähe abgenommen, wenn er von selbst mit vollem Kropf von dieser ablässt. Dieses Erlebnis fördert bei dem Falken die Beuteprägung und die Motivation. Die Verknüpfung des Beutemachens mit dem vollen Kropf schafft bei dem Falken eine positive Erfahrung. Er wird deshalb auch in Zukunft Rabenkrähen jagen.

Nach dem gelungenen ersten Beizerfolg, wird der Falke für einen bis zwei Tage nicht geflogen. Dann wird durch Gewichtskontrolle die Kondition des Falken überprüft, um gegebenenfalls erneut mit die Rabenkrähen zu bejagen.

Der vorbeschriebene Ablauf stellt einen Idealfall dar, in dem der Falke bei dem ersten Jagdflug Beute macht. Dies ist aber  eher die Ausnahme. In der Regel wird der Falke über einen längeren Zeitraum nicht an Beute gelangen. Dies darf den Beizjäger jedoch nicht entmutigen. Er muss immer wieder Versuche unternehmen, seinen Falken an Beute zu bringen. Dem Falken müssen immer wieder Chancen gegeben werden, Rabenkrähen zu jagen. Dabei ist zu beachten, den Falken im ersten Jahr nicht zu überlasten. Pro Tag sollten auf keinen Fall mehr als zwei Jagdflüge mit ihm durchgeführt werden.

Auch hier gilt, wie so häufig: weniger ist mehr!