Jungvogel- und Jungfalknerbeize

26. Oktober 2019

Es war der 26.10.2019. Kati und Alex Junker hatten zur Jungvogel- und Jungfalknerjagd eingeladen. Ich hatte erst vor zwei Monaten meine Falknerprüfung in Hessen abgelegt und vor drei Wochen den Falknerjagdschein ausgestellt bekommen, da bot mir mein Falkner des Vertrauens an: „Tanja, du kannst „Zoe“ (einen Wüstenbussard) fliegen, wenn du möchtest.“ An einen eigenen Vogel ist aktuell nicht zu denken. Mir fehlen leider die passenden örtlichen Begebenheiten. Dieses Angebot war also ein Volltreffer und verbunden mit der Gewissheit „Jetzt wird es ernst – jetzt kommt die Verantwortung“. Viele Beizjagden hatte ich besucht und kannte den Ablauf schon recht gut. Ich fühlte mich grundsätzlich wohl mit dieser Perspektive.

 

Zur Sicherheit bin ich mehrere Wochen lang regelmäßig zu „Zoe“ gefahren, um sie mit mir vertraut zu machen. Wir kennen uns nun schon ein Jahr, trotzdem gab es immer wieder neue Sachen zu beachten. An einem Tag war sie unheimlich aggressiv. Ich war noch nicht in der Voliere und sie flog mich scharf an. Gut, dass da ein Gitter zwischen uns war. Irgendwann schob mir Bernd Dietze meine Mütze vom Kopf und sagte: „Zoe“ mag keine Mützen. Aha…. muss man wissen.

 

So übten wir fleißig und irgendwann gelang es mir sogar den Vogel ohne fremde Hilfe in die Transportbox zu bringen. Ich bin schon mit kleinen Fortschritten zufrieden.

 

Am 26.10.19 trafen wir uns also in dem tollen Niederwildrevier von Kati und Alex Junker. Es gab zu Beginn des Jagdtages den Beizvogelappell inkl. der wichtigen Verhaltensregeln. Insbesondere gilt: es darf nur ein Vogel in der Luft sein. Alle anderen Situationen sind einfach gefährlich. Wer einen Hasen beizt oder gar einen Fasan, der wird es im Geldbeutel spüren. Kati und Alex betreiben einen unheimlichen Hegeaufwand in ihrem Revier. Da sind diese Hinweise mehr als berechtigt. Heute sollte also mein erstes Kanin von „Zoe“ gefangen werden. Es ging los. Vogel, Frettchen, Treiber und Falkner waren bereit. Wie bereit ich war, stellte sich schon wenige Minuten später heraus.

 

Wir kamen zu einer dicht bewachsenen Wiese. Wir bildeten eine böhmische Streife und schritten gleichmäßig voran. Ich hatte mir genau gemerkt, wann ich den Vogel frei machen darf. Meine größte Sorge war, dass ich einen Fehler mache und meinem Vogel stößt etwas zu. Ich bin ein Meister in Horrorszenarien und hatte schon diverse davon im Kopf. Und es kam, wie es kommen musste: Ich hörte schon nach wenigen Minuten den Ruf direkt neben mir: „Kanin – Vogel fliegen lassen“ und ich ließ den Vogel frei. Ich war aber gar nicht gemeint gewesen. Es waren zwei Vögel frei und natürlich keine zwei Wüstenbussarde, die sich vielleicht sogar kennen und sich darum nichts antun.

 

Ich hatte schon im Kopf „Tanja – das war es für dich.“. Wenige Momente später konnte mein Vogel gesichert werden – unbeschadet. Einige Minuten später war auch der zweite Vogel wieder auf der Faust des Falkners. Ich war völlig fertig – und das nach so kurzer Zeit. Mein Puls hatte einen dreistelligen Wert erreicht.

 

Zu meiner Überraschung war die Jagd nicht für mich vorbei. Ich wurde nochmal fachmännisch und ruhig belehrt und durfte mich wieder einreihen. Ich hätte auch einen Ausschluss verstanden und akzeptiert, war aber sehr froh, dass die Jungfalknerjagd für mich weitergehen durfte.

 

Jetzt kamen die Anweisungen Schlag auf Schlag: „Achte auf deinen Vogel“, „ Geh schneller“, „Nur mit einer Hand sichern – die zweite Hand weg vom Geschüh“, „Geh auf die andere Seite der Böschung“, „Komm mit dem Vogel den Abhang rauf“, „Achte auf deinen Vogel“, „Wenn der Vogel frei ist – was schreist du?“, „Was schreist du?“. „Ich habe nichts gehört!“

 

Zoe hat ihre Sache prima gemacht. Mehrere Kaninchen konnten angeflogen werden. Zunächst ohne Erfolg. Die Treiber konnten mir nach einem Freiflug stets helfen, die genaue Position von Zoe auszumachen. Das gemeinsame Training im Vorfeld zahlte sich aus: Zoe kam problemlos auf meine Faust. Auch als das Futterbröckchen mal im hohen Gras verschwand, weil es vom Falknerhandschuh fiel, hatte sie nur einen flüchtigen - fast mitleidigen - Blick für mich über und quittierte meine Ungeschicktheit mit einem Kniff in meinen Finger. Danach ging es sofort wieder den sandigen Abhang rauf – immer so, dass es der Vogel möglichst bequem hat. Meine Sorge war ungebrochen – dem Vogel darf bei mir nichts passieren. Kein Ast darf im Weg sein, kein Brombeerstrauch, über den ich stolpern darf. Ich sagte mir immer locker bleiben“, mein Körper verstand aber: „alles auf Konzentration und Anspannung bitte“. So viel Ambivalenz kommt in meinem Leben sonst nicht vor. 😉

 

Kurz vor der geplanten Mittagspause war es dann soweit. Die Treiber konnten ein Kaninchen aus einer Böschung drücken und es sprang in die Richtung, die mir zugewiesen wurde. Jetzt war ich mir sicher: Jetzt darf ich den Vogel frei geben und tat das auch. Endlich auch zeitgleich mit dem Ruf „Vogel frei“ – ganz ehrlich: das kann doch nicht so schwer sein… ist es in der Aufregung dann leider doch. Zoe hatte das Kanin in ihren Fängen. Es war kein Klagen zu hören. Wir eilten zum Stück, welches noch lebte. Mein Falknermesser kam erstmals zum Einsatz. Auf einmal war ich ganz ruhig. Ich folgte den Anweisungen und wartete geduldig ab, bis Zoe mit einem Großteil der Innereien fertig war. Zoe führte mich beim Wiederaufnehmen ein wenig vor. Die angebotene Ersatzbeute nahm sie zusätzlich ohne auch nur an meinen Handschuh zu denken. Am Ende musste es halt ohne Ersatzbeute gehen.

 

Sie saß sicher auf meinem Handschuh und schon 15 Minuten später erklärte ich interessierten Fahrradfahrern, was dort vor sich gegangen ist. Noch bin ich nicht „erklärungsmüde“. Mir macht es große Freude, mein inzwischen geprüftes Wissen an interessierte Menschen weiterzugeben. Wenn ich dann noch einen zufriedenen Vogel präsentieren kann, ist es ein perfekter Tag.

 

Das gebeizte Kaninchen wurde unmittelbar danach schon als „Frettchenangel“ gebraucht. Leider habe ich einige Tage später erfahren, dass das Frettchen nicht mehr gefunden wurde.

 

Am Ende des Tages hatten wir in der Gruppe 5 Kaninchen gefangen. Ich finde das Brauchtum wichtig und fand es prima, dass wir eine Strecke gelegt haben und diese ordnungsgemäß verblasen wurde.

 

Ich habe sehr viel gelernt an diesem Tag. Mein herzlicher Dank geht insbesondere an Alex, der mir nie das Gefühl von Versagen gegeben hat und mich stets auf Trab und in Konzentration gehalten hat. Ganz nebenbei hat er viele nützliche Erklärungen gegeben und hat unheimlich beruhigend auf mich gewirkt. Das habe ich an diesem Tag wirklich gebraucht. Meine Fehler und Unsicherheiten taten mir in den Situationen sehr leid, was ich auch stets artikuliert habe. Mir wurde unwahrscheinlich viel Verständnis entgegengebracht, wofür ich mich aufrichtig nochmal bedanken möchte.

 

Fazit: ein Anfang ist gemacht. „Zoe“ ist toll und ich bin noch in ihrer Ausbildung. 😉

 

Tanja Schorlemer